Archive for August, 2014

unserbieristreinDer erste Schuss war diskret.

In der Februar-Ausgabe der Zeitung „Bier“ (Publikationsorgan der Gesellschaft zur Förderung der Biervielfalt) konnte man lesen: „In der Schweiz gilt das Reinheitsgebot ebenfalls.“ Peng ! Kurz und prägnant. Und natürlich falsch. So falsch und lächerlich, dass ich mich entschloss, nicht direkt auf diese Aussage zu reagieren, sondern eher einen Artikel vom Bier Historiker Ronald Pattinson über das Reinheitsgebot auf meinem Blog zu publizieren. In diesem Artikel wird vor allem der Mythos einer angeblichen höherwertigen Qualität der „Reinheitsgebot-Bieren“ auseinander genommen. Ein wichtiger Punkt, da diese merkwürdige Idee noch in zu vielen Köpfen – auch in der Schweiz – gesteckt ist. Dass das Reinheitsgebot in der Welt und auch in der Schweiz gesetzlich für die Definition von Bier irrelevant ist, soll doch jeder wissen.

Schön wär’s ! Die 2. Salve wurde gerade in der August-Ausgabe abgefeuert. Schauen wir doch diesen Artikel zusammen an.

Zurzeit mehren sich in den Gazetten und Blogs die spitzen Bemerkungen gegen das Reinheitsgebot. Das Reinheitsgebot sei zum Einheitsgebot verkommen. Der Bierkonsument verlange nach Abwechslung, nach Geschmackserlebnissen, nach Überraschungen und Verfremdungen, wird keck behauptet.

In dieser Einleitung gibt der unbekannte Autor (der Text ist nicht unterschrieben) – weiter hier als Hr. 1516 genannt – den Ton an. Man spürt seine Meinung: das Reinheitsgebot hat nicht zu einheitlichen Biere geführt. Doch, indirekt schon. Obwohl – wie er dies richtigerweise später schreibt – mit nur Wasser, Hopfen, Malz und Hefe sehr viele verschiedene Biere sich brauen lassen, ist es in Deutschland nicht der Fall. Das langjährige Beharren an eine Gleichung „Reinheitsgebot=gutes Bier“ hat viele deutsche Brauer erlaubt, die forgetrgProduktionskosten zu drücken und billige Einheitsprodukte als „hochwertig“ zu vermarkten. Die angebliche Überlegenheit, die durch das Reinheitsgebot verliehen wurde, führte Deutschland zu einer Abkapselung sowie eine Abwertung der anderen Braukulturen. Aus diesen Gründen hat Deutschland sehr lange die Revolution der Bier Welt ignoriert (wieso nicht, sie waren ja in ihren Augen die Besten) und steht heute Meilen weg von vielen Ländern wie zum Beispiel die USA, Dänemark oder Italien um nur wenige zu nennen. Es mag aber so viel Biervielfalt mit Einhaltung des Reinheitsgebots möglich sein, eine Tatsache bleibt evident: mit zusätzlichen Bestandteilen erreicht man noch vieles mehr.

Dann scheint Hr. 1516 das steigende Interesse der Bierkonsumenten an Geschmackserlebnisse anzuzweifeln. Tja, ich kann ihm nur empfehlen, Bierbars und Bierfestivals zu besuchen. Und vielleicht auf das Oktoberfest zu verzichten …

Es geht natürlich weiter:

Zur Erinnerung: Das Reinheitsgebot gilt in Bayern und besagt, dass nur Wasser, Hopfen, Malz und Hefe ins Bier dürfen.“

Ohhhh ! Sechs Monate nach dem ersten Artikel musste das Reinheitsgebot den Rückzug aus der Schweiz antreten. So schnell kann dies gehen. Aber, lieber Hr. 1516, in diesem Fall heisst es nicht „Zur Erinnerung:“ sondern „Korrektur:“. Es sei denn, der erste Artikel war nicht von Hr. 1516 und in diesem Fall ist noch eine Richtigstellung vom Redaktor überfällig 😉

Das Beste kommt aber zum Schluss:

In der Schweiz sagt das Gesetz, dass nur Bier ist, das folgende sechs Bestandteile aufweisen muss, beziehungsweise aus ihnen hergestellt wurde: Trinkwasser, Hopfen, Malz, Hefe, Kohlensäure und Alkohol. Fehlt einer dieser Bestandteile (z.B. Alkohol) oder ist ein siebenter Bestandteil drin (z.B. Banane) ist das nach Gesetz kein Bier. Es kann aber als «Getränk mit Bier» verkauft werden. Mit den sechs Bestandteilen, Wasser, Hopfen, Malz, Hefe, Kohlensäure und Alkohol lassen sich tausende von verschiedenen Bieren herstellen. Zugegeben: der Brauer ist gefordert, wenn er mit diesen sechs Bestandteilen sein Bier im Brauprozess steuert. Aber Brauen ist eben eine Kunst und die will gelernt sein. Damit sei kein Wort gegen die verschiedenen Biere gesagt, die mit Rohfrucht (Weizen, Roggen, Hirse, Mais, Reis usw.) angereichert werden. Oder mit Fruchtaromen wie Banane, Kirsche oder Mango. Oder mit Gewürzen. Das sind meistens ganz tolle Biergetränke. Aber kein «richtiges» Bier.

Wie bitte ?!? Wie ist diese Aussage von Hr. 1516 zustande gekommen ? Sie soll zwar viele Brauereien in der Schweiz interessieren – es sind ja nicht wenig, die Weizen, Mais, Früchte oder Gewürze, unter anderen, benutzen und sie könnten damit etliche Biersteuern ersparen, falls ihre Biere eben keine Biere sind ! – sie stimmt aber wohl nicht. Die Verordnung des EDI (Eidgenössische Departement des Innern) über alkoholische Getränke – hier anzusehen – definiert unter „Kapitel 6: Bier“ :

Art. 41 Definitionen

1 Bier ist ein alkoholisches und kohlensäurehaltiges Getränk, das aus mit Hefe vergorener Würze gewonnen wird, der Doldenhopfen oder Hopfenprodukte zugegeben werden.

2 Die Würze ist aus stärke- oder zuckerhaltigen Rohstoffen und aus Trinkwasser hergestellt.

3 Hopfenprodukte sind Hopfenpulver, angereichertes Hopfenpulver, Hopfenextrakt, Hopfenextraktpulver und isomerisierter Hopfenextrakt.“

Ähm … Wo steht doch dieser beweiskräftige Satz, der nicht mehr Bestandteile erlauben soll ? Moment, hier kommen noch die Anforderungen:

Art. 42 Anforderungen

1 Bier muss in der Regel klar sein. Bestimmte Biertypen (z. B. unfiltriertes Bier, Hefeweizenbier) dürfen Trübungen oder Ablagerungen aufweisen, die infolge eines speziellen Herstellungsverfahrens entstanden sind.

2 Die Würze wird aus Gersten- oder Weizenmalz hergestellt. Für sie können überdies folgende stärke- oder zuckerhaltigen Rohstoffe verwendet werden:

a Cerealien wie Mais, Reis;

b.Zucker, Invertzucker, Dextrose, Glucosesirup bis höchstens 10 Massenprozent;

c Stärke bis höchstens 20 Massenprozent.

3 Für die Zubereitung der Würze dürfen Röstmalz und Röstmalzextrakte verwendet werden.

4 Der pH-Wert des Bieres darf bei der Abgabe an Konsumentinnen und Konsumenten 5,0 nicht übersteigen.

5 Der Gehalt an Kohlendioxid muss mindestens 0,3 Massenprozent betragen.

6 Bier muss aus einer Stammwürze von mindestens 10 Massenprozent hervorgegangen sein; vorbehalten bleibt Artikel 43 Absätze 3 und 4.“

mikkellerbar

Biervielfalt. Mit “richtigem Bier” ?

Caramba ! Nichts über einen zusätzlichen Bestandteil, der das Bier in „Getränk mit Bier“ verändern soll. Viel schlimmer: es werden sogar Mais, Reis, Zucker, usw. explizit erwähnt !

Es tut mir sehr leid für Sie, Hr. 1516, aber in der Schweiz gelten Biere mit Früchten, Gewürzen, Weizen, Zucker und vieles mehr noch als „richtige Biere“. Mich stört es eigentlich nicht, dass Sie dies nicht wahrnehmen können oder wollen. Mich stört es aber sehr, dass Ihre falsche Behauptungen in einer Bierzeitung publiziert wird. Und dass in der Zeitung einer Gesellschaft – die notabene als Ziel „die Förderung der Biervielfalt zu unterstützen“ hat – eine wiederholte, aktive und lügnerische Abwertung von vielen Biersorten getan/erlaubt wird, finde ich nicht nur pikant und peinlich, sondern vor allem inakzeptabel.

cheers !

Mosi Lager aus Sambia

Mosi Lager aus Sambia

Ferien und Pensionierung haben etwas gemeinsam: wenn man sie hat, hat man echt dann keine Zeit mehr zur Verfügung … Nein, pensioniert bin ich bei Weitem nicht, geniesse aber gerade die letzte von meinen 5 Wochen Ferien. Gut, das war meine miese Entschuldigung, um meinen letzten monatlichen Artikel weggelassen zu haben. Dafür habt ihr jetzt aber 2 Monaten zusammen fur den gleichen Preis.

Ich war während Juni und Juli – mit 78 respektiv 63 neuen Bieren – anständig aktiv. Die Schweiz war erneut mit 35 Bieren die am meisten repräsentierte Nation, gefolgt durch Schottland (15, BrewDog lässt grüssen) und Belgien (13).  Aus Ländern, die selten zu begegnen sind, war vor allem Portugal interessant. Biere wie Sant’Ana LX Rye oder Mean Sardine Amura zeigen, dass ebenfalls dort eine positive Bewegung stattfindet. Der Höhepunkt im geographischen Thema war aber ganz klar ein neues Land mit Sambia und das Mosi Lager. Ein grausiges Bier nebenbei gesagt …

Neue Schweizer Brauereien konnte ich 3 entdecken. Von den Jurassiern von Blanche Pierre konnte ich nur eine Sorte – Cuivrée, ein leicht

Schmitte Bier Wagerad von Brauwerkstatt Jegenstorf

Schmitte Bier Wagerad von Brauwerkstatt Jegenstorf

überdurchschnittliches Bier  – verkosten. Unüblicherweise brauen sie vor allem für ein Restaurant und füllen wenig in Flaschen ab. Die Thurgauer von Riethof haben noch zu tun: während das Dunkel noch ok war, kann das Hell kaum getrunken werden. Noch extremer polarisiert wurde es bei den Wallisern von la Mule: einerseits ein sehr gutes 1798 und andererseits ein unkontrolliertes und schlechtes Ò Rünò.

Hier eine kleine Übersicht von den anderen Schweizer Bieren der letzten 2 Monaten:

IMG_3024Schlechte Biere gab es schon einige, vermutlich mehr als üblicherweise. Abgesehen von dem Letztgeborenen Bastard der Cardinal Eve Serie (gerade vorher erwähnt), sowie einigen anderen ominösen Radler wie Desperados Verde, Landi Farmer Panaché Lemon und Du Bocq Red Bocq, das schlechteste war Presidente Light aus der Dominikanischen Republik.

Wie immer aber, waren die guten Biere eindeutig zahlreicher und wie immer kann ich sie nicht alle durchgehen. Falls Interesse besteht, wisst ihr aber dass jederzeit meine letzten 500 getestete Biere hier anzusehen sind. Hier einige Höhepunkte:

IMG_2732Der Juni-Sieger habe ich schon früher erwähnt: es handelt sich um das Tripple Imperial Rye von Hugo “Hammer” Gutknecht. Ein beeindruckes, komplexes und sehr starkes Bier (16.8% !), das sich für ein Trappist Quadrupel ausgeben könnte.

Der Juli-Sieger – und bestes Bier der letzten 2 Monaten – kommt aus den Niederlanden und aus einer Kollaboration zwischen 2 genialen Brauereien: De Molen und Närke (Schweden). Hoch komplex und ebenfalls stark (11.1%), man könnte dieses Bier während 2 Stunden verkosten und immer wieder zusätzliche Charaktermerkmale entdecken. Die ziemlich hoche Süsse wird verblüffend durch eine späte Salzigkeit ausgewogen. Es handelt sich um das Goths & Vandals.

cheers !